„Wäre ich jetzt nochmal in dieser Situation, ich würde auf jeden Fall in den elektrischen Zaun laufen. Ich sage das, weil die Menschen nicht genug aus unseren Erfahrungen gelernt haben. Diese Welt [...] hat die Lektion nicht verstanden. Damals, als ich noch ein Kind war, im Alter von 9 und 15 Jahren habe ich das nicht begriffen. Doch jetzt versteh’ ich. Die Welt lernt nicht!“, so Jack Terry in einem Interview. 

Terry überlebte als Jugendlicher das Unfassbare, auch Flossenbürg. 

 

Um zu lernen, fuhren die Klassen 10a und 10c am 10. November 2022 auf Einladung der Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bayern in die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Dort erfolgte zunächst in Kleingruppen ein sehr informativer Rundgang über das Gelände und durch Teile der erhaltenen Gebäude wie das so genannte „Häftlingsbad“ oder das Krematorium. Die schockierenden damaligen Zustände im Arbeitslager Flossenbürg wurden so plastisch. Nach einem Mittagessen – im damaligen Offizierskasino und nunmehr inklusiv betriebenen Café – beteiligten sich die Klassen 10a und 10c an einer beeindruckenden Gedenkveranstaltung gegen Antisemitismus und Rassismus mit selbst vorbereiteten Beiträgen. Dies erfolgte in Form eines bewegenden Gedichts und der Darstellung der katastrophalen, menschenunwürdigen Zustände im Flossenbürger Außenlager Obertraubling. Abschließend legten die beiden Klassensprecher Caroline Pöppl und Frantisek Mimra gegen das Vergessen symbolisch einen Kranz im „Tal des Todes“ der Gedenkstätte von Flossenbürg nieder. 

 

Bereits in der Vorbereitung zur Gedenkveranstaltung setzten sich die Jugendlichen intensiv mit der Geschichte Obertraublings während der Diktatur der Nationalsozialisten auseinander. So wurde das Konzentrationslager Flossenbürg ab 1942 zur Zentrale eines weit verzweigten Lagersystems. Seine annähernd 80 Außenlager erstreckten sich von Würzburg bis Prag und vom nördlichen Sachsen bis nach Niederbayern. Eines davon mit anfänglich ca. 600 Häftlingen befand sich in Obertraubling.   

 

Dieser Ort wurde gewählt, da nach der Bombardierung der Messerschmittwerke in Regensburg Teile der Flugzeugproduktion nach Obertraubling ausgelagert wurden. Heute gehört das Gelände des Außenlagers zur 1951 gegründeten Stadt Neutraubling. Auch wenn das Außenlager nur für kurze Zeit, nämlich vom 20. Februar bis 16. April 1945, bestand, bedeutete es für zahlreiche Häftlinge den Ort des Todes. Als Arbeiter wurden sie auf dem völlig zerstörten Flugplatz eingesetzt, um die Bombenschäden zu beseitigen und eine Startbahn für die Me 262 zu planieren. Allerdings waren nur noch wenige körperlich zu den Arbeitseinsätzen fähig, da sie zu schwach oder zu krank waren. Zahllose Gefangene starben an Hunger, Krankheiten und durch Folter.  

 

Was überlebende Häftlinge des Außenlagers Obertraubling zu berichten haben, hat Heike Wolter unter Mitarbeit des P-Seminars Geschichte am Gymnasium Neutraubling im Buch „Wenn der Krieg um 11 Uhr aus ist, seid ihr um 10 Uhr alle tot!“ zusammengefasst. So schilderten sie: „Das Lager war nicht fertig. Wir wurden in einem Riesenraum untergebracht, in dem weder Fußboden und Dach gewesen war, keine Fensterrahmen in den Wänden und kein Ofen. Wir hatten weder Pritschen noch Betten noch Platz dafür. Wir übernachteten stehend – aneinandergepfercht.“  Moishe Mantelmacher ergänzte: „Es gab keinen Krankenbau! Es gab keinen Doktor! Es gab rein gar nichts. Man ging dorthin, um zu sterben.“ 

 

Manch einer mag sich fragen: Was hat das, was vor mehr als 80 Jahren geschehen ist, mit mir zu tun? Sehr ungern erinnern wir uns an diesen Teil der eigenen heimatlichen Geschichte, dennoch ist sie ein Teil von uns, der nicht vergessen werden darf. Es geht dabei nicht um Schuld, aber um Verantwortung. 

 

Jack Terry, der als 15-Jähriger das Konzentrationslager Flossenbürg überlebt hat und den einige an unserer Schule 2017 persönlich kennen lernen durften, hat den Schülerinnen und Schülern damals Folgendes mit auf den Weg gegeben: „Ihr seid die Zukunft und die Botschafter eures Landes und tragt dessen Werte weiter. Lasst an der demokratischen Kultur Deutschlands nicht rütteln!“ Am 30. Oktober 2022 ist Jack Terry im Alter von 92 Jahren verstorben.  

 

Erb/Gr